Vitra kommt von Vitrine! Meine aufregende Woche in Weil am Rhein – Part 1

Vitra sind nicht einfach nur Möbel und Accessoires. Und Vitra ist nicht einfach nur eine Marke. Vitra ist eine Designkultur, die Architektur, Kunst und Technologie vereint! Das habe ich innerhalb von fünf Tagen intensiver Schulung auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein in der vergangenen Woche auf sehr eindrückliche Art und Weise erfahren.

Wer jetzt bei diesem langen Beitrag schon aussteigen will – bleibt dran! Denn ich versuche mein Bestes, die Welt von Vitra und meine Erfahrungen dort komprimiert wiederzuspiegeln. Und damit der Beitrag meiner Erlebnisse in fünf Tagen nicht exorbitant lang wird, wird es einfach mehrere Beiträge in Etappen geben. Denn es gibt viel zu erzählen!

Ich kann nur jedem empfehlen, der mal in der Nähe von Weil am Rhein ist, einen Abstecher zu Vitra zu machen. Das Vitra Haus und das Vitra Design Museum inklusive Schaudepot sind sensationell und eine Führung über den Campus sollte man unbedingt einmal gemacht haben, um die ganz besondere Atmosphäre dort zu verstehen. Denn Vitra schwingt förmlich in der Luft mit, die man dort einatmet.

Vitra ist übrigens ein Familienunternehmen, das 1934 von Willi Fehlbaum in Birsfelden (CH) als Ladenbaugeschäft (denn Vitra kommt von Vitrine) gegründet wurde. 1950 wurde die Produktion dann nach Weil am Rhein (D) verlegt. Das Unternehmen befindet sich heute mit CEO Nora Fehlbaum bereits in dritter Generation.

Aber kurz noch einmal zurück:

Dank meiner neuen Tätigkeit als Marketingmanagerin bei citizenoffice in Düsseldorf habe ich die Ehre, fünf Tage bei Vitra verbringen zu dürfen mit dem Fokus, die Welt des Büros kennenzulernen. Denn ein Büro ist auch nicht einfach nur ein Büro! Aber dazu mehr an entsprechender Stelle. citizenoffice ist übrigens auch mit seinem Vitrapoint Store sowie Onlineshop einer der exklusiven Fachhändler für Vitra-Produkte. Deshalb auch die intensive Schulung für mich dort.

Fünf Tage- puh. Fünf Tage weg von meinem kleinen Jonas. Die längste Trennung, seit er auf der Welt ist. Aber hey, es liegt eine spannende Woche vor mir und eine tolle Möglichkeit, in die Welt von Vitra einzutauchen. Dafür bin ich sehr dankbar. Vor allem nach den fünf Tagen, denn ich bin um viele Erfahrungen bereichert worden und habe sehr nette Menschen kennengelernt.

Ich reise also am Sonntag, den 18. November per Flugzeug in Basel in der Schweiz an und werde von dort wieder zurück über die Grenze nach Weil am Rhein transferiert. Das geht super schnell, denn Weil am Rhein ist geografisch äußerst günstig im Dreiländereck gelegen. Ich wohne die nächsten fünf Tage im Hotel Krone, das ich auch nur wärmstens empfehlen kann. Sehr gemütlich, toller Service und schon hier fängt mich Vitra mit der Einrichtung ein.

Ich genieße noch ein sehr gutes Wiener Schnitzel bevor ich den Abend mit einem kleinen Vitra Film ausklingen lasse und mich damit auf den nächsten Tag einstimme. Der Film dauert ca. 5 Minuten und ist absolut sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=WVSYUTfO8TQ

Tag 1, Montag 19. November:

Ich werde um 8.30 Uhr vom Hotel abgeholt und bin ca. 5 Minuten später auf dem Vitra Campus. Hier werde ich ab jetzt fünf Tage lang jede noch so kleine Ecke kennenlernen. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet und gehe zunächst ins Vitra Haus, wo alle Trainingsteilnehmer sich einfinden sollen.

Die Euphorie in allen Gesichtern am Montag Morgen lässt noch etwas zu wünschen übrig aber das wird schon. Wir werden von zwei Trainern sehr freundlich in Empfang genommen und ins Schulungszentrum gebracht. Dieses wird ab jetzt unsere Base für die kommenden Tage sein.

Und was steht am Anfang einer jeden Schulung? Genau, das Kennenlernen. Um das Ganze einprägsamer zu gestalten, uns wach zu machen und Energie zu verleihen, veranstalten unsere Trainer Sascha, Julia, Mario, Elvira und Laura direkt ein kleines Konzentrationsspiel: ich heiße Kristina, packe meinen Koffer und nehme den Kaffee mit. Zum Glück sitze ich nicht ganz am Ende des Kreises und muss alle Namen und Gegenstände wiederholen. Dennoch erfüllt das Spiel seinen Zweck und ich habe die Namen der acht anderen Teilnehmer schnell drauf.

Der Eames Workshop

Los geht es mit der ersten Einheit: die History von Vitra wird uns anhand eines Schaubildes erklärt, bevor wir in den interaktiven Eames Workshop starten, in dem wir uns in Gruppen zunächst die Highlights des Design-Ehepaares Ray und Charles Eames erarbeiten und anschließend präsentieren sollen.

Ray und Charles Eames, Vitra

Aber wer sind eigentlich Ray und Charles Eames? Auf der Vitra Webseite ist hier eine sehr gute Zusammenfassung über die Designer-Legenden zu finden.

Fakt ist aber, dass die Begegnung mit den Eames für Vitra von grundlegender Bedeutung war: 1957 startete das Unternehmen mit der Produktion der Entwürfe von Charles und Ray Eames für Europa und den Mittleren Osten unter der Lizenz von Herman Miller. Für Vitra war das der Beginn als Möbelhersteller. Aber nicht nur mit ihren Produkten prägten und prägen Charles und Ray Vitra bis heute. Vielmehr bestimmen sie mit ihrem Designverständnis die Werte und die Ausrichtung des Unternehmens in entscheidender Weise. Wie Charles Eames schon sagte: “The details are not the details. They make the product”. Und diese Haltung erkennt man auch eindeutig an den Entwürfen der beiden Designer.

Zu diesen gehört beispielsweise die Plywood Group, die 1945/46 von Ray und Charles Eames entwickelt wurde und bis heute als echter Klassiker gilt. Den Plywood Chair gibt es in zwei Varianten: einmal als Lounge Chair und einmal als Dining Variante.

Plywood Group, Ray & Charles Eames

Auch der berühmte Lounge Chair stammt aus der Design-Feder der Eames und ist bis heute ein absoluter Bestseller. Das Original ist aus Palisander Holz mit schwarzem Leder und einem schwarzen Untergestell, das oben poliert ist.

Lounge Chair, Ray & Charles Eames

Der Lobby Chair wurde 1960 für das Time Life Building in New York entwickelt. Ihn gibt es ausschließlich in Leder in verschiedenen Varianten, beispielsweise mit 4- oder 5-Fußgestell.

Lobby Chair, Ray & Charles Eames

Der Wire Chair wurde 1951 designt. Er ist aus verschweisstem Stahldraht, seine Sitzschale ist einteilig und mutet organisch geformt an. Das Untergestell gibt es in verschiedenen Ausführungen.

Wire Chair, Ray & Charles Eames

Der Organic Chair ist ein Gemeinschaftswerk von Charles Eames und Eero Saarinen. Er ist 1940 für einen vom Museum of Modern Art in New York lancierten Möbelwettbewerb entstanden und zählt zu einer der wichtigsten Entwürfe des Mid-Century Modern Design.

Organic Chair, Charles Eames und Eero Saarinen

1958 entwarfen Ray und Charles die Aluminium Group ursprünglich für das Privathaus eines Kunstsammlers in Columbus. Der “Alu Chair” zählt zu einem der bedeutendsten Designentwürfe des 20. Jahrhunderts. Es gibt verschiedene Modelle, die zu Hause, im Büro oder öffentlichen Räumen eingesetzt werden können. Das macht ihn sehr vielseitig.

Aluminium Group, Ray & Charles Eames

Und was fehlt? Na klar, der berühmte Eames Plastic Chair! Er ist eine wahre Ikone, die 1950 als erster Plastikstuhl auf den Markt kam. Das war damals eine absolute Revolution und bis heute gehört der “EPC” zu einer der wichtigsten Möbelentwürfe des 20. Jahrhunderts. 1948 wurde er für den Wettbewerb “International Competition for Low-Cost Furniture Design” des Museum of Modern Art entwickelt. Zunächst wurde der “EPC” aus dem Material Fiberglas produziert. Die Produktionsprozesse waren jedoch zu früheren Zeiten gesundheitlich nicht förderlich. Deshalb stieg man auf die Produktion mit Polypropylen (Kunststoff) um. Heute, 2018, ist die Materialvariante aus Fiberglas zurück! Mein Beitrag zum Eames Fiberglass Chair ist hier zu finden.

Eames Plastic Chair, Ray & Charles Eames

Die Produktion des Alu Chairs und das Testcenter

Nach dem Lunch in einer der Vitra Kantinen (ich habe noch nie in einer Kantine so ausgezeichnetes Essen bekommen!), geht es weiter in eines der Produktionsgebäude. Vorab ist zu sagen, dass alle Gebäude auf dem Vitra Campus von unterschiedlichen Architekten gebaut wurden.

Produktion und Testcenter befinden sich in einer Fabrikhalle, die der kanadisch-US-amerikanische Architekt Frank Gehry 1989 entworfen hat. Sie gliedert sich in Größe und Höhe dem benachbarten Gebäude ein: Dieses stammt aus der Feder des aus Großbritannien stammenden Architekten Nicholas Grimshaw, der 1981 und 1983 seine Handschrift mit zwei Produktionshallen hinterlassen hat. In der gesamten Produktion sind leider keine Fotos erlaubt.

In der Fabrikhalle von Frank Gehry besichtigen wir also nun die Produktionsstätte des Aluminium Chairs von Ray und Charles Eames. Die Besonderheit des Stuhls ist, dass eine Stoff- oder Lederbahn straff gespannt wird und dieses dann quasi zwischen zwei Seitenteilen aus Aluminium eingeklemmt wird. Es gibt bei diesem Stuhl keine separierte Sitzschale vom Rückenteil. Der Alu Chair wird an etlichen einzelnen Stationen zusammengebaut. Zum Beispiel nähen zwei Näherinnen mit der Maschine im Akkord die zusammenhängende Sitz- und Rückenpartie des Stuhls an den Kanten zusammen. Dieses Stuhlteil wurde zuvor an einer besonderen Maschine erstellt, indem mehrere Materialschichten aufeinander gelegt werden, die dann zum Pressen in diese Maschine kommen. Dieser Vorgang dauert ca. 4 Minuten.

Aluminium Chair, Ray & Charles Eames

Aber wer stellt eigentlich sicher, dass die Bestellungen auch alle richtig abgewickelt werden? Das ist der Job des Kommissionierers. Mit jeder einzelnen Bestellung geht er mit seinem Kommissionierwagen los und sammelt aus unterschiedlichen Regalen alle für die jeweilige Bestellung richtigen Einzelteile zusammen. Das ist ein bisschen wie Einkaufen gehen.

Ist das passiert, kommt der zerlegte Stuhl auf die Produktionsbahn und wird dort an unterschiedlichen Stationen zusammengebaut. Das ist zum Teil ziemlich kraftaufwändig. Ich darf einen bestimmten Griff ausprobieren der notwendig ist, um Stabilität in die Sitz-und Rückenfläche zu bekommen. Gar nicht so einfach, aber ich habe es dank guter Anleitung von Trainerin Julia dann doch geschafft.

Am Ende kontrolliert der Mitarbeiter an der finalen Station, ob der Stuhl auch der Bestellung entspricht. Er hängt die Vitra-Schilder an das Untergestell und verpackt ihn in Folie, damit er gut geschützt ist. Dann kann er auf Reisen gehen.

In dieser Produktion wird viel von Hand gearbeitet, mitunter in Schichten vor allem in Zeiten, wenn große Unternehmen aus der ganzen Welt mehrere 1.000 Stühle für ihre Büros bestellt haben. Neben Weil am Rhein gibt es zudem noch weitere Produktionsstandorte u.a. in Mühlheim an der Ruhr.

Von der Produktion geht es für uns weiter ins Testcenter, das sich ebenfalls im gleichen Gebäude befindet. Hier haben wir keinen Zutritt, können aber durch eine Glasscheibe das Geschehen beobachten. Es gibt viele unterschiedliche Maschinen, an denen zum Beispiel die Belastung der Stühle in regelmäßigen Abständen geprüft wird. An einer Station wird die Martindale-Methode eingesetzt. Diese simuliert die natürliche Abnutzung eines Sitzbezuges. Gemessen wird dabei die Schleißzahl (Maß: Martindale). Je höher der Wert ist, desto beständiger ist das Material. Bei Vitra liegt der untere Wert bei schon sehr guten 50.000 Martindale, geht aber bei einigen Produkten auf bis zu sagenhaften 200.000 Martindale hoch. Das ist wirklich sehr sehr hoch und zeugt von einer hohen Beständigkeit des Materials. Diese ist zum Beispiel für Bürostühle wichtig, denn da scheuert ja viele Stunden pro Tag Kleidungsmaterial auf den Sitzbezügen. Weiterhin gibt es einen Pillingtest, dort wird gemessen, wie schnell sich bei Wollstoffen die berühmten Knötchen bilden. Es gibt im Testcenter auch einen Vorhang, hinter dem geheime Tests bei zum Beispiel neuen Produkten, die erst in den Markt kommen sollen, laufen. Sehr spannend!

Anschließend geht es wieder zurück in den Trainingsraum für das nächste Thema:

Die Chair Collection

Die Chair Collection beinhaltet sogenannte transversale Produkte, das bedeutet, dass die Stühle alle an unterschiedlichen Orten einsetzbar sind. Sie sind teilweise auch outdoorfähig. Die Entwürfe der Chair Collection liegen im mittleren und somit äußerst attraktiven Preissegment und sollen dadurch quasi für jeden zugänglich sein (affordable for everyone!). Es wird hinsichtlich der Materialität viel mit Kunststoff gearbeitet, da es pflegeleicht und belastbar ist.

Standard, Jean Prouvé

Die Chair Collection umfasst Entwürfe, die weniger komplex als ein Bürodrehstuhl sind. Um einige zu nennen, zählen beispielsweise der Tip Ton von den – wie Vitra sie nennt – Autoren Edward Barber und Jay Osgerby, der Standard von Jean Prouvé, der Vegetal sowie der Belleville Armchair von Ronan & Erwan Bouroullec, der Panton Chair von Verner Panton, der Landi-Stuhl von Hans Coray (entworfen für die Schweizer Landesausstellung 1939), der HAL und der All Plastic Chair von Jasper Morrisson, der 0.3 von Maarten Van Severen und natürlich der berühmte Eames Plastic Chair (den es als Side Chair oder Arm Chair gibt) zur berühmten Vitra Chair Collection.

Vegetal, Ronan & Erwan Bouroullec
Tip Ton, Edward Barber & Jay Osgerby
Landi-Stuhl, Hans Coray
All Plastic Chair, Jasper Morrisson

 

 

 

 

 

 

Letzte Station des ersten, sehr erfahrungsreichen Tages war die Besichtigung des Vitra Schaudepots, dessen Ausstellung vom Vitra Design Museum kuratiert wird.

Das Vitra Schaudepot

Das Vitra Schaudepot wurde 2016 von den Basler Architekten Herzog & de Meuron entworfen. Den Grundstein für die Sammlung legte Rolf Fehlbaum in den 80iger Jahren. Er hatte eine so beachtliche Möbelsammlung aufgebaut, die er dem Vitra Design Museum als Gründer 1989 übertrug und seitdem gemeinsam mit den Museumsdirektoren kontinuierlich erweitert. Das Vitra Design Museum zeigt hier seine umfangreiche Sammlung, die zu den wichtigsten Beständen des Möbeldesigns weltweit zählt. Sie umfasst ca. 20.000 Objekte. Von Möbeln, über Leuchten bis hin zu den Nachlässen von Verner Panton und Alexander Girard und die Sammlung des Eames Office. Die Präsentationsfläche im Schaudepot umfasst 1.600 Quadratmeter und gliedert sich in drei Bereiche. Hier präsentiert sich die weltweit größte Dauerausstellung und Forschungsstätte zum modernen Möbeldesign.

Mein erster Tag ist um und in meinem Kopf schwirren Stühle, Architekten und Designer umher. Ich bin so positiv angetan von den interessanten Inhalten und der Geschichte, die hinter dem Unternehmen Vitra steht. Mit dem heutigen Tage verstehe ich vor allem den Zauber um Designklassiker wie den Lounge Chair und bin schon sehr gespannt, was mich in den kommenden Tagen alles erwartet.

Vor allem aber habe ich so ein perfekt organisiertes Training noch nie erlebt. Hier wird sich von dem Trainerteam um uns gekümmert, wie als wäre man bei Muttern zu Hause.

Der Tag klingt bei einem gemeinsamen Dinner im Sichtwerk aus. Die Location kann ich in Weil am Rhein übrigens auch sehr empfehlen. Das Essen ist wirklich klasse hier!

Und die Geschichte meiner Woche bei Vitra geht demnächst mit Part 2 weiter!

To be continued…

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